Wenn Tierschützer gegen den Tierschutz arbeiten

Es wäre schön, wenn es Einzelfälle wären, aber es sind keine Einzelfälle. Tierschützer, die den Tierschutz verhindern. Wie bescheuert das wird, möchte ich mit einem Vergleich beginnen. Einem Vergleich, was mit Menschen zu tun hat, aber nicht passender sein könnte. Flüchtlinge strömen derzeit nach Deutschland. Sie werden aufgefangen in Flüchtlingslagern. Viele landen in Asylantenheime. Die Prozedur des Asylantrags dauert lange. Die Flüchtlinge landen in Sporthallen, wo die Privatsphäre durch Stoff-Vorhänge improvisiert wird. Wenige Toiletten sind für Massen von Menschen vorhanden. So sehr man die Menschenwürde und Privatsphäre einrichten würde, sie ist oft nicht vorhanden. Es ist einfach nicht so umsetzbar, wie man es gerne hätte. Trotzdem sind Flüchtlinge froh das sie aufgenommen werden. Das ihnen geholfen wird. Das sie endlich aus dem Elend raus sind, aus dem sie geflüchtet sind. Und es gibt ja Hoffnung auf Besserung….. Es mag in diesem Zusammenhang fürchterlich klingen, aber die Auffanglager sind dem Menschen entsprechend nur bedingt artgerecht.

Landen Meerschweinchen, die in Not geraten sind, in Notstationen oder bei neuen privaten Helfern, so finden sie meist bessere Bedingungen. Die Helfer, Unterstützer und viele andere Menschen sorgen dafür, das Meerschweinchen eine gute Notunterkunft haben. Die ärztliche Betreuung, die Unterkunft, die Versorgung mit Futter wird mit viel Liebe den Schweinchen gegeben. Auch hier kann man durchaus auch Sachen finden, wo man die artgerechte Haltung kritisieren kann. Besonders dann, wenn eine Notstation mehr aufnimmt, als sie eigentlich sollte. Aber die Tiere werden trotzdem genommen, weil sie draussen in Mülltonnen, im Wald oder auf der Strasse, keine Chance hätten. Besser Abstriche bei der Unterkunft, als zu sterben.

Der gesunde Menschenverstand versteht es und sagt sich: “Toll das freiwillige Helfer viel Zeit, Geld und Nerven investieren, um Meerschweinchen zu retten.” Über die Zustände der Flüchtlingslager sind sich viele einig und sagen sich: “Man kann froh sein, das die Flüchtlinge aufgefangen und unterstützt werden.” Die Zustände bei Meerschweinchen Notstationen sind wesentlich besser, als im Flüchtlingslager. Bei Meeri-Stationen kommt dann aber schnell mal Kritik auf. Tierschützer kritisieren die Zustände. Sie kritisieren das 5 Jahre alte Meerschweinchen vermittelt werden. Sie regen sich über jede Kleinigkeit auf. Sicher nicht alle Tierschützer. Es ist aber eine ganz besondere Sorte von Tierschützer.

Tierschützer, die den Bezug zur Realität verloren haben. Das sind Menschen, die ursprünglich einen guten Ansatz hatten. Sie wollen Tiere schützen. Sie werden mit der Zeit evtl. Veganer (Veganer sein ist im Sinne von Tierschutz gut und konsequent). Sie demonstrieren und protestieren gegen Massentierhaltung. Mit fragwürdigen Aktionen decken sie die Wahrheit der Massentierhaltung auf. Und je mehr Elend und je mehr grausame Sachen sie gesehen haben, desto radikaler laufen sie mit Scheuklappen rum und verlaufen sich in eine Welt, die nicht mehr viel mit der Realität zu tun haben. Und je mehr Menschen sich von diesen Tierschützern abwenden, desto mehr igeln sich diese Sorte von Tierschützern zusammen, spornen sich im radikalen Gedanken an und verlieren noch mehr den Bezug zur Realität.

Dann kommen Forderungen von mindestens 2 qm Platz für jedes Meerschweinchen (gern noch viel mehr). Ebenerdig, versteht sich. Bei 2-3 Meerschweinchen in einem privaten Haushalt, bedeutet das mal schnell 6 qm. Hat ein Single eine Wohnung von 36 qm. Zieht man da Flur, Badezimmer und Küche ab, hat der Single nicht mehr viel Platz und soll davon 6 qm seinen drei Meerschweinchen als Minimum anbieten. Klingt sehr unrealistisch, oder? Diese extremen Tierschützer fordern das Meerschweinchen nur natürlich ernährt werden sollen, wobei Menschen in großen Städten nicht genug brauchbare Wiese finden können. Oder wie wäre es mit, das Meerschweinchen nur mit Bio-Produkten gefüttert werden müssen? Klar, weil herkömmliche Produkte so unglaublich schlecht und grausam sind. Und das waren nur kleine Beispiele von dem, was ich mit der Zeit erfahren habe. Überträgt man diese Forderungen auf Notstationen, entsteht eine Kostenexplosion, wodurch viele Notstationen schließen müssten. Selbst durch ein gutes Spendenaufkommen ist das nicht mehr zu schaffen. Notstationen würden schließen und was wird aus den Meerschweinchen? Die Menge der in Not geratenen Meerschweinchen werden nicht weniger, wenn Notstationen schließen. Sei froh das Meerschweinchen so gut wie möglich gerettet werden.

Aber auch bei Notstationen gibt es manche, wo ich mich frage wo da der Tierschutz geblieben ist. Jeder, der Meerschweinchen aus Notstationen übernimmt, geht eine Verantwortung und eine Verpflichtung fürs Tier ein. Das wird per Vertrag festgehalten. Das ist auch wichtig, damit dem neue Besitzer deutlich wird, das er mit Meerschweinchen gut umgehen muß. Aber warum werden Weibchen nicht an reine Weibchen-Halter gegeben? “Was? Du hast nur Weibchen in Deinem Stall? Dann bekommst Du unser Notschweinchen nicht.” Sicher wäre ein Bock unter Weibern wegen Zysten und Hormonhaushalt der Tiere besser, wobei diese Behauptung muss man mir noch wissenschaftlich beweisen. Aber wenn doch ansonsten alles stimmt beim neuen Tierhalter und das Weibchen ein sehr gutes und sicheres neues Heim bekommt, dann raus damit. Dem Weibchen geht es besser, die Notstation wird entlastet.

Das ist allerdings noch eine Kleinigkeit. Manche Notstationen machen sehr strenge Kontrollen bei neuen Haltern. Nicht einmalig, sondern mehrfach über einen langen Zeitraum. Immer wieder wird kontrolliert, ob das Schweinchen aus der Notstation ein gutes Heim hat. Unangekündigte Besuche können möglich sein. Facebook-Profile werden geprüft. Und es gab schon einen Fall, da wurde jemand, der ein Meerschwein aus einer Notstation übernommen hat, gleich alle seine Tiere abgenommen. Grund: Die Person hat einen humoristischen, wenn auch makaberen Beitrag zu einem peruanischen Gericht (Meerschweinchen gegrillt) in Facebook gepostet. Normale Menschen würden es als makaberen Scherz abtun und nicht glauben das er seine geliebten Schweinchen essen würde. So war es eben auch nicht gemeint. Die Notstation unterstellte der Person, sie würde Meerschweinchen zum eigenen Verzehr halten. Außer diesem Posting, gab es aber keine Anzeichen dafür, das dem so ist. Aber leg Dich mal mit dem Tierschutz an…….. Die Meerschweinchen landeten in der besagten Notstation…. Da rückten Behörden an, die Blind den Tierschützern glaubten und reagierten.

Aber auch die Spendensammler werden immer extremer. “Unser Verein braucht Geld, darum müssen wir die Tränendrüse drücken.” Und das kann soweit gehen, das so mancher Groschenroman realistischer wird, als die traurige Geschichte von einem realen Meerschweinchen. Durch Aufklärung und durch Emotionen werden Menschen bewegt, einen Verein zu unterstützen, der Meerschweinchen rettet. Das ist normal. Doch wird es zu extrem und radikal betrieben, dann laufen solche Vereine in die Gefahr, ein weiterer “United Colors of Benetton” zu werden. Die Bekleidungsmarke, die ganz groß wurde. Die durch Provokation und Schocker-Werbung auf sich aufmerksam machte. Und dann drehte sie das Rad zu stark und kam nicht nur in einen schlechten Ruf. Sie verlor auch an Wert. Irgendwann wollte kaum noch wer deren Kleidung. Es war einfach nur peinlich mit einem “Benetton” Pulli durch die Strassen zu laufen.

Wenn ein Tierschutz-Verein das Rad zu weit dreht, verrohen nicht nur die Menschen und potenziellen Spender. Irgendwann geht auch das Vertrauen verloren. Doch je größer die Scheuklappen und je mehr man nur noch seine Arbeit im Verein sieht, desto mehr verliert man den Bezug zur Realität. Man lebt in seiner eigenen Welt.

Ich selber gerate auch immer wieder in die Kritik. Ich soll pro Tier 2 qm Platz haben. Warum behalte ich ein Weibchen (Tiger) und kein Böckchen (Ted)? Wieso behalte ich nicht beide? Ich hätte ja gewusst das Doro schwanger ist und muss für die Folgen aufkommen usw. Am Ende gibt es nur eines. Realistisch und praktisch hab ich Doro einen Gefallen getan. Statt ihre Babys im 120 x 60 cm Stall in Einzelhaltung zu bekommen, konnte Doro auf 4 qm im Rudel ihre Babys bekommen. Und die Babys wurden im Rudel erzogen. Was will man mehr, rein praktisch betrachtet?

Tierschützer, die den Boden nicht verlieren und praktisch denken. Die erkennen, was realistisch machbar ist, sind echte Tierschützer. Ganz viele Notstationen, Vereine und Menschen arbeiten täglich daran, Meerschweinchen zu schützen. Sie erleben praktisch, auf was es wirklich ankommt. Und trotz des ganzen Elends und Leiden, was gesehen wird, verlieren sie nicht den Bezug zur Realität und können so Meerschweinchen tatsächlich helfen.

Die andere Sorte von Tierschützern, die scheinbar in Traumwelten leben, sollten besser Bücher schreiben und nie veröffentlichen. Doch sie sind in sozialen Netzwerken besonders laut und nerven fast schon so, wie diese Bande von vermeintlich “besorgten Bürgern”, die unbegründet Angst vor Flüchtlingen schürren. Die wenigen extremen Tierschützer machen die wertvolle Arbeit der vielen guten Tierschützer kaputt. Wo bleibt da noch der Tierschutz?

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2 Gedanken zu „Wenn Tierschützer gegen den Tierschutz arbeiten

  1. Danke für diese tolle Stellungnahme! Bitte lass Dich nicht entmutigen! Ich hole meine Schweinchen nur noch aus Notstationen und Heimen und bin jedesmal wieder begeistert, mit wieviel Herzblut Ihr bei der Sache seid. Meine Haltung wird vor der Vermittlung übrigens immer überprüft, auch das Tierheim hatte (schon Jahre her, auch nach einer Vermittlung), obwohl wir “nur” Meeries haben, geschaut, ob es ihnen gut geht.

  2. Wirklich sehr gut geschriebener Artikel! Habe mich selbst aus dem aktiven TS zurück gezogen wegen solchen Extremen. Ich betreibe nur noch privat den TS.

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